Der Ärztemangel lässt sich durch den Einsatz telemedizinischer Behandlungsmodelle begrenzen

In ganz Europa befindet sich das Gesundheitswesen im Umbruch. Die Alterspyramide wird gegen oben immer flacher und sich bis im Jahr 2060 gleichsam in einen sumpfen Stummel verwandeln. Die Menschen werden dank besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen immer älter. Gleichzeitig sinkt aktuell die Geburtenrate und auch die verstärkte Einwanderung wird den Trend in Richtung Überalterung nicht zu stoppen vermögen.  Diese Entwicklung wird dazu führen, dass die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen und nach ärztlicher Behandlung steigen wird. Die Gesundheit der älteren Generation ist anfälliger und entsprechend wird auch der ärztliche Rat in der Regel häufiger in Anspruch genommen, als dies bei jüngeren Menschen der Fall ist.

Auf der anderen Seite sieht sich die Politik einer zunehmenden Verknappung der ärztlichen Ressourcen gegenüber. Gemäss einer Analyse des Bundesamtes für Gesundheit schätz man den aktuellen Bedarf an Ärzten, welche ein Medizinstudium abschliessen auf 1‘200 bis 1‘300. In der Schweiz schliessen jährlich rund 700 bis 800 Medizinstudenten ihr Staatsexamen ab. Es fehlen also rund 40%. In den früheren Jahren konnte die Lücke mit gut qualifizierten Fachkräften aus dem umliegenden Europa, vor allem aus Deutschland gedeckt werden. Aber auch diese Quelle verebbt zusehends, zumal die Arbeitsbedingungen für Ärzte sich in den letzten Jahren in den Heimatländern stark verbessert haben.  Wie also kann diese Lücke geschlossen werden?

 

Arbeitslose Ärzte/Ärztinnen wieder in den Arbeitsprozess integrieren

Studienabchlüsse Humanmedizin nach Geschlecht, Anteil Frauen mit Abschluss Medizinstudium

Studienabschlüsse Medizin: Anteil Frauen und Männer

In den letzten 10 Jahren ist der Anteil an Frauen, die ein Medizinstudium abgeschlossen haben deutlich gestiegen, wie eine Untersuchung des Bundesamtes für Gesundheit aus dem Jahr 2014 zeigt. In vielen Fällen werden.  So haben im Jahr 2013 nur ca. 300 Männer das Staatsexamen für Humanmedizin erfolgreich abgeschlossen, bei den Frauen waren es deutlich mehr- ca. 470. Dieser Umstand führt zusehends dazu, dass Frauen nach dem Abschluss des Staatsexamens oder nach erfolgter Weiterbildung zur Fachärztin Kinder kriegen und sich somit mehr um die Familie kümmern. Viele von ihnen würden gerne Teilzeit arbeiten. Die Spitäler bieten jedoch in der Regel kaum Teilzeitstellen an, was wiederum dazu führt dass diese Frauen ihren Beruf und damit gleich auch ihre Berufung an den Nagel hängen.

Telemedizin bietet hier neue Möglichkeiten für flexible Teilzeitjobs. Teils ist es sogar möglich, Patienten per Telefon, Chat oder Video von zuhause aus behandeln und beraten zu können. Ein solches Modell befindet sich in der Schweiz gerade in der Einführungsphase.

Versorgung in den Randregionen sicherstellen und Notfallstationen entlasten

Besonders eklatant ist die Entwicklung in den Randregionen. Bereits heute wird in den abgelegenen Gebieten für bestehende Hausarztpraxen kein Nachfolger oder keine Nachfolgerin mehr gefunden. Mit flexiblen telemedizinischen Modellen ist es möglich, dass ein in einer Stadt tätiger Hausarzt auch Patienten auf dem Land versorgen kann. Randomisierte Studien zeigen, dass 50-60% der Sprechstunden problemlos am Telefon abgeschlossen werden können, ohne dass sie an eine weiterführende Institution verwiesen werden müssen. Bei telemedizinischen Sprechstunden, die per Video-Übertragung abgehalten werden, liegt die Erfolgsrate sogar bei 70%. Gerade einfachere Krankheitsbilder wie zum Beispiel chronische Rückenschmerzen, Husten oder Fieber sind gut geeignet, telemedizinisch abgeklärt und behandelt zu werden. Auch zum Einholen einer Zweitmeinung ist nicht unbedingt der physische Kontakt mit dem Patienten erforderlich.

Die Erfahrung von Notfallmedizinern zeigt, dass heute sehr viele Patienten beim geringsten Auftreten von Komplikationen ein Notfallzentrum aufsuchen. Dies führt dazu, dass die Notfallstationen in den Spitälern überfüllt sind- dies obschon die meisten Patienten die umfassende und teure Infrastruktur einer Notfallstation gar nicht benötigen würden.

Die Realisierung neuer Versorgungsmodelle ist aus diesen Gründen unumgänglich, wenn man bedenkt, dass in den nächsten 10 Jahren schweizweit ca. 60% der Hausärzte in Pension gehen und sich die Situation weiter zuspitzen wird. Die Politik und die Aktoren im Gesundheitswesen sind gefordert.

 

Autor: Pascal Fraenkler